Hoffnung auf eine verbindende Kindheitsepoche

„Welche Schule brauchen unsere Kinder in Zukunft?“ Knapp 200 Interessierte suchten Antworten auf diese Frage und fanden sich deshalb Ende Januar im grossen Saal der Rudolf Steiner Schule Zürcher Oberland ein. Klarheit schaffen sollte ein Impulsreferat von Prof. Dr. Oskar Jenni, Professor für Entwicklungspädiatrie an der Universität Zürich und ärztliche Co-Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie am Universitäts-Kinderspital Zürich und ein anschliessendes Podiumsgespräch mit Lehrkräften aus verschiedenen Wetziker Schulen.
Oskar Jenni führte seine Zuhörerschaft zuerst in die Vergangenheit und zeichnete frühere Kindheits-Epochen auf. Kindheit erschien dabei im Spannungsfeld gesellschaftlicher Erwartungen, die sich immer wieder verändert. Es zeige sich ein wiederkehrendes Muster: Fortschritte bringen Entlastung, erzeugen jedoch zugleich neue Belastungen. So sei beispielsweise die „disziplinierte Kindheit“, in der die Kinder primär als formbare Menschenmasse angesehen wurde, von der Epoche der „entdeckten Kindheit“ abgelöst worden, in welcher sich die Kinder neu als Förderns werte Geschöpfe entwickelt hätten. In der heutigen Epoche der „selbstbestimmten Kindheit“, in der Zuwendung, Individualität und Leistungsprojektionen zentral seien, würden gemäss europäischen Studien aber sehr viele Kinder psychisch leiden. Die Gründe seien vielfältig. Man schaue heute sehr viel genauer hin als früher, was teilweise zur Pathologisierung der Kinder führe. Die viel unsicherer gewordene Welt seien für Kinder aber eine reale und grosse Herausforderung. Und die heutige, stark übertriebene Individualisierung und das Streben nach Einzigartigkeit übe starken Druck auf die Kinder und Jugendlichen aus. Sicher ist sich Jenni: „Es braucht wieder eine Korrektur, also eine neue Kindheitsepoche.“ Diese Epoche einer möglichen „verbindenden Kindheit“ könnte die Stärken aller früheren Epochen zusammenführen. Eltern, Lehrkräfte und die ganze Gesellschaft sollten in Zukunft ihren Einfluss dahingehend ausüben, dass die Kinder sich körperlicher und geistiger Gesundheit erfreuen können, dass sie geborgene Gelegenheiten zum Lernen haben, dass sie soziale Gemeinschaft erfahren können, dass sie aber auch Grenzen aufgezeigt bekommen.

Im von der Wetziker Organisationsentwicklerin und Coachin Marion Gubser lebhaft moderierten Podiumsgespräch machte Dr. Julia Amslinger, Lehrerin Geschichte und Deutsch Mittelschulstufe an der RSSZO einen ergänzenden historischen Exkurs in die Zeit der deutschen Aufklärung und plädierte für eine anzustrebende „Wandlung von innen“ und die draus entstehende Selbstwirksamkeit der Kinder und Jugendlichen.
Folglich wurden diverse Defizite im heutigen Schulalltag zusammengetragen. Christian Holliger, Deutschlehrer Kantonschule Zürcher Oberland, berichtete vom hohen Leistungsbedingten Leidensdruck der Gymnasiast*innen und der Scheu, frühzeitig das Gespräch mit den Lehrkräften zu suchen oder der rasanten, ressourcenfressenden Digitalisierung.
Sarah Vigniti, Lehrerin am RSSZO-Kindergarten beantwortete die Publikumsfrage nach dem Unterschied zwischen dem Sicherheitsgefühl von Kindern und Erwachsenen mit der Feststellung, dass die Kleinsten beispielsweise Angst vor dem grossen Saal hätten, in dem alle hier sässen. Man müsse sie sanft und mit der Zeit an diesen Ort heranführen.
Eine andere, in eine Forderung verpackte Frage aus dem Publikum, ob die staatlichen Schulen Reformen bedürften, beantwortete Oskar Jenni damit, dass jede Schule das Hier und Jetzt des Schullalltags als einen unmittelbaren Wert fördern sollte. Das Unmittelbare des Schulalltags und eben nicht die Funktion „des reinen Fitmachens für die Zukunft“ würde bei den Kindern und Jugendlichen positiv-nachhaltig wirken. Beatrice Baumann, Schulleiterin und Vorstandsmitglied der Schule Nepomuk Wetzikon, fügte als Daseinsberechtigung „ihrer“ Schule die reformistische Schwerfälligkeit der staatlichen Schulen an und verwies auf das wichtige Abzielen auf die Stärken und Ressourcen ihrer Schützlinge.
Oskar Jenni entspannte die Diskussion zum Schluss nachdrücklich mit dem Votum, dass sich Kinder und Jugendliche instinktiv entwickeln wollen, dass die Schule immer ein Abbild der Gesellschaft sei und nicht umgekehrt und dass die Zwänge der Digitalisierung wohl bald wieder vermehrt der Freude an der analogen Realität weichen dürften. Der RSSZO-Co-Schulleiter Lukas Wunderlich bedankte sich abschliessend bei der IG Bildung für die organisatorische Zusammenarbeit und plädierte an alle Anwesenden beim zur Verfügung stehenden, von der 11. Klasse bereitgestellten Buffet viel zu essen. Denn je mehr Einnahmen der Klassenverbund mache, desto weiter gehe die baldige Klassenreise.
Andreas Leisi




























